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Hermann Bigelmayr
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Kreuz - Antlitz Gottes
2000

Linde, vergoldet, 100 x 100 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2017

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Kreuz - Antlitz Gottes

Ganz unauffällig verhielte sich dieser Quadratmeter an der Wand, wäre er nicht vergoldet und hätte er keine Falten. Die oberen drei Falten sind zum Betrachter hin gewandt, während die untere Falte sich nach hinten biegt und damit einen spannungsvollen Kontrast bildet. Die Skulptur präsentiert sich uns wie ein sauber gebügeltes Tuch, das eben aufgefaltet worden ist. Die Falten bilden dabei ein gleichschenkliges Kreuz, das sich in sanfter Erhebung aus dem Tuch heraus abzeichnet.

Das gefaltete Tuch erinnert mich an den Bericht des leeren Grabes: „Petrus sah die Leinenbinden liegen und das Tuch, mit dem sie das Jesus das Gesicht bedeckt hatten. Dieses Tuch lag nicht bei den Leinenbinden, sondern getrennt davon zusammengelegt.“ (Joh 20,7 Übers. Gute Nachricht-Bibel) Diese Kreuzfläche lädt uns ein, hinter ihr das Antlitz Jesu zu suchen.

Die vergoldete Fläche weist uns auf seine göttliche Herkunft hin. Im Schauen dieser “Ikone“ werden wir zur Sterbens-„Stunde“ Jesu geführt, in der er durch seinen Vater verherrlicht wird. Wir können seine Worte im Abschiedsgebet hören: „Vater, die Stunde ist da, verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht.“ (Joh 17,1) „Vater, verherrliche du mich jetzt bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war.“ (17,5)

Im Kreuz die Herrlichkeit Gottes schauen! „Für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen, und das Schwache an Gott stärker als die Menschen.“ (1 Kor 1,23-25)

Doch da sind rote „Risse“ in der „goldenen Herrlichkeit Gottes“ zu sehen. Beflecken sie seine Größe, müssen sie als Makel, als ein Mangel an Vollendung gesehen werden? – Nein. Sie offenbaren uns seine alles durchwirkende und belebende Liebe, die seine Herrlichkeit und Größe ausmacht. Die roten „Risse“ lassen uns seine Verletzlichkeit spüren – und damit seine Menschenfreundlichkeit.

Hermann Bigelmayr hat dieses Kreuz als Kunstwerk von einem Meter auf einen Meter geschaffen. Er wollte ganz bewusst mit diesem Quadratmeter einen Bezug zur Erde schaffen, auf der wir leben, und jede und jeder auf irgend eine Weise etwas Platz zum Leben findet. Es gehört zur Menschenfreundlichkeit Gottes, dass er uns in die Gestaltung der Erde miteinbezieht, sie uns anvertraut, auch wenn er weiß, dass wir sie durch unsere Fehler und Schwächen wie Jesus kreuzigen.

Dennoch bleibt Gott in unserer Mitte. Kaum sichtbar hat der Künstler den Kreuzungspunkt der Falten als ein nach unten geneigtes Dreieck gestaltet. Das Dreieck als Symbol für die Dreifaltigkeit. Seine Neigung nach unten als Hinweis auf seine ungebrochene schöpferische Zuwendung. Gott hört auch im größten „Kreuz“ nicht auf, heilend und versöhnend mit seiner Liebe zu wirken!

Patrik Scherrer / 11.09.2004


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