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Thomas Werk
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Der barmherzige Samariter , 2006

69,5 x 68 cm, Sepia, Papier auf Leinwand aufgezogen, 125 x 125 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2013/2014
 
Der barmherzige Samariter

Ohne Hilfestellung kämen wir wahrscheinlich nicht auf den Gedanken, in dieser linearen Gestalt den barmherzigen Samariter zu sehen. Denn die Umrisse lassen auch andere Assoziationen wie an einen Fuß oder an einen Kopf zu.

Das die Arbeit prägende braunschwarze Band scheint mit einer breiten Feder auf das Blatt aufgetragen: Ansätze sind erkennbar und die auslaufenden Farbschattierungen vermitteln den Eindruck, dass die Striche in einem Zug gemacht worden sind.

Mit dem Band ist das Wichtigste ins Bild gebracht. Auf einer relativ schmalen Basis baut sich ein baumartiges Gebilde auf, das sich in der Mitte verdoppelt und in vielen Rundungen ausformt. An drei Stellen gehen je drei kurze Bänder strahlenartig von der Grundform weg.

Ist nun eine Person dargestellt oder sind es gar zwei Personen? Die beiden hufeisenförmigen Bögen oben links lassen an die Köpfe von zwei Personen denken. Die beiden Kreisformen in der Bildmitte dürfen wohl als Hände gesehen werden, wodurch wir zusammen mit den angedeuteten Beinen eine aufrechte, nach links schreitende Person zu erkennen vermögen, die eine weitere Person im Huckepack auf dem Rücken trägt.

In der Bibel heißt es, dass der Mann aus Samarien Mitleid mit dem von den Räubern zusammengeschlagenen Mann hatte. In seiner Barmherzigkeit hat er sein Reittier angehalten, ist abgestiegen und hat er sich zum Verletzten niedergebeugt, um seine Wunden mit Öl und Wein zu pflegen und dann zu verbinden. Danach hob er ihn auf sein Reittier und brachte ihn in eine Herberge, damit dort für ihn gesorgt werde (Lk 10,30-35).

Im Gegensatz dazu ist hier der Samariter selbst als Träger des Verletzten dargestellt. Zeigt er sich durch seine Barmherzigkeit nicht für den anderen verantwortlich und belastet er sich dadurch nicht genauso wie sein Reittier? Und es scheint, dass er sich mit drei weiteren Personen beladen hat, die seiner tragenden Hilfe bedürfen.

Überraschenderweise ist in der dargestellten Gestalt auch der gute Hirte erkennbar, der immer wieder den verlorenen Schafen nachgeht und diese, wenn sie müde oder verletzt sind, auf seinen Schultern nach Hause trägt (Lk 15,5). Deckungsgleich sind beide von der Grundhaltung des Sympathie, des Mitleidens (von griech. syn, pathein = mitleiden) geprägt. Was die Bibel als exemplarische Einzelfälle wiedergibt, ereignet sich immer wieder und bildet einen festen Bestandteil ihres Lebens. Nicht umsonst hat Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter als Vorbild für den Gesetzeslehrer genommen, damit dieser (und auch wir) genauso handle (Lk 10,36-37).

Weiter oben wurde gesagt, dass mit dem Band das Wesentliche ins Bild gebracht worden sei. Bildhaft bringt es zum Ausdruck, dass die Barmherzigkeit – das erbarmende, mitleidende Herz – die verbindende Kraft ist, die über alle erdenklichen Grenzen hinweg Menschen zu neuer Verbundenheit zusammenführt.

Patrik Scherrer 15.07.2006


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