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Hans Reitbauer
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Birkfelder Fastentuch
2003

© beim Künstler

[weitere Werke (1)]
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Zum Leben befreit

Welch ein Gegensatz! Die Gemeinde befindet sich das Jahr über einem barocken Hochaltar mit gewohnten klaren, verständlichen Darstellungen gegenüber (Gesamtansicht). Sein Mittelteil wird nun in der Fastenzeit hinter einem großen Fastentuch mit moderner, verschlüsselter, anfangs nicht leicht deutbarer Bildsprache verborgen (Altaransicht). Eine Aufforderung, genau hinzuschauen und zu versuchen, über Altbekanntes in neuer Weise nachzudenken.

Ins Auge springen die Farben: violetter, in sich bewegter Hintergrund, leuchtendes Gelb, korrespondierend mit Rot.
Mittelpunkt der Darstellung ist eine gelbe Lichtsäule, die über dem Tabernakel wie aus einer anderen Dimension aufsteigt und in einer gelb-leuchtenden Lichtquelle, einer Sonnenscheibe endend, das eigentliche Zentrum des Bildes darstellt.

Rechts und links flankieren zwei schlankere Lichtsäulen die zentrale stelenartige Erscheinung. Sie sind unregelmäßig, wie zufällig, rot bebändert, so dass sie nur in ihrer Form festgelegt wirken, nicht aber in ihrer Ausgestaltung. Auch sie tragen je eine Lichtscheibe, allerdings kleiner und nicht so strahlend gelb wie die der mittleren Gestalt; auch nicht oben, sondern ungefähr in der Mitte. Im Unterschied zur mittleren Lichtquelle sind sie durch zwei augenähnliche Gebilde nach rechts orientiert, als hielten sie Ausschau. Urbild und Abbild?

Als drittes Element prägen das Tuch drei durchhängende Linien. Sie verbinden optisch die drei säulenartigen Erscheinungen und wirken wie feine, auffangende Arme, welche die Ausstrahlung der mittleren Säule weitergeben. Andererseits vermitteln sie mit ihrem durchgehenden Bogen den Eindruck, heruntergelassen worden zu sein, um Halt zu geben und ergriffen zu werden.

Das vierte Element: eine Art Schnurvorhang, der vor dem violetten Tuch pfeilförmig bis zum Tabernakel herunterhängt. Er besteht aus nah aneinander hängenden Seilen mit in unregelmäßigen Abständen geknüpften Knoten. Der erdige Farbton dämpft und stört das strahlende Gelb, doch ist er unabweislich da seiend und dazugehörend wie die Stricke und Knoten in der Natur und im Menschenleben.

Über der trennenden Waagrechten mit den Seilen findet sich das fünfte Element. Es ist ein Feld mit geheimnisvollen Zeichen, die von der Anordnung her einer Überschrift ähnlich sind. Die Farben der Zeichen sind umgekehrt zu den 3 Lichtsäulen verwendet: die Flächen sind rot, der Rand gelb. In der Mitte von zwei waagrechten Balken werden drei dünne, leicht schräge Elemente mit einer dritten, erhöhten Waagrechten zu einer Einheit zusammengefasst. Die zentrale und erhabene Anordnung lässt in dieser Chiffre ein modern gestaltetes Symbol für die Wesenheit Gottes vermuten. Besteht nicht eine stilistische Nähe zur Hand Gottes in frühchristlichen Malereien, welche andeutet, dass Gott sich vom Himmel her den Menschen zuwendet und zu ihnen spricht? Zwei augenähnliche Zeichen unterstützen diese Abwärtsbewegung – korrespondierend mit den nach oben gerichteten ähnlichen Zeichen der beiden Lichtsäulen. Warten letztere auf diese von oben kommende Ausstrahlung, diese Begeisterung aus Licht, Wärme und Liebe?

Aus dem Beobachteten werden Parallelen zur Verklärung Jesu offensichtlich. „Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht.“ Und aus der Wolke rief eine Stimme den staunenden Jüngern zu: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören.“ (Mt 17,2.5)

Noch wird dieses Bild vom davor hängenden Schnurvorhang und seinen Knoten getrübt. Seine Bewegung von oben nach unten steht im Gegensatz zur aufstrebenden Bewegung, die aus den drei Vertikalen und ihren Lichtscheiben hervorgeht. Der Dialog zwischen den verschiedenen Materialien und Ebenen, der vordergründig und materiell die Verknotungen und Verstrickungen von uns Menschen zum Ausdruck bringt, hintergründig und geistig die Verheißung Gottes sichtbar macht, wird deutlich. Vision und Knoten sind Einladung, mit Blick auf Jesus und mit seiner Hilfe Verstrickungen mit inneren und äußeren Knoten zu lösen. Eine mit dem Fastentuch zusammenhängende Arbeit (Abb.)verhüllt das Kreuz bis auf die Hände des Gekreuzigten mit dem Gebet:

Christus hat keine Hände, nur unsere Hände,
um seine Arbeit heute zu tun.
Er hat keine Füße, nur unsere Füße,
um Menschen auf den Weg zu führen.
keine Lippen, nur unsere Lippen,
um Menschen von ihm zu erzählen.
Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe,
um Menschen auf seine Seite zu bringen.

Begegnungen mit Auferstandenen, neues Leben ist angesagt. Leben, das von Gott und seiner Liebe her geprägt ist. Symbolisch dargestellt durch die beiden äußeren Säulen, die unser so unterschiedlich geprägtes Leben darstellen, das durch die bogenförmigen Verbindungen mit der zentralen Gestalt, Symbol für den da seienden, unter uns gegenwärtigen Gott, genährt und Halt gebend gesichert wird.

Patrik Scherrer 15.03.2008


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