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Kai Althoff

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Palmsonntag , 2002

Bootslack, Papier auf Leinwand, Lack, Wasserfarben, Firnis, 70 x 90 x 4,5 cm
Privatsammlung Berlin, Foto: Simon Vogel, © Kai Althoff
 
Palmsonntag

Jesus reitet auf einer Eselin in Jerusalem ein und erfüllt die Weissagung der Propheten Jesaja und Sacharia: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist friedfertig und reitet auf einer Eselin.“ (Mt 21,4-5). Vor einem buntgemusterten Hintergrund, wo oben mit ein paar braunen Flächen Häuser angedeutet sind, ist in der Bilddiagonale eine Gruppe von Menschen prozessionsartig von rechts unten nach links oben unterwegs.

In ihrer Mitte kaum auszumachen Jesus auf der Eselin. Der Kreuznimbus hebt sein Haupt hervor und zeichnet seine Person aus. Mit dem Rücken zu uns winkt er der Volksmenge zu, die ihn wie in der Bibel beschrieben ausgelassen mit Palmzweigen bejubelt und Tücher aller Art auf dem Boden ausbreitet.

Doch bei genauerem Hinsehen sind Menschen zu entdecken, die sich ganz anders verhalten und - in unsere Zeit versetzt - uns etwas von der Aufregung und den Fragen ihrer Zeit spüren lassen (vgl. Mt 21,10). Der Mann mit Frack und Zylinder wie die junge Dame im Abendkleid lassen an eine Party denken, wo ein Star gefeiert wird. Zwei Rucksacktouristen gehen am Umzug vorbei, wie man in einer Fußgängerzone mit einem langen Kopfwenden kenntnisnehmend an einem Stand oder einem Performancekünstler vorbeigeht. Während ein Mönch und eine Klosterfrau ausgelassen tanzen, verhalten sich die Vertreter der Kirche liturgisch korrekt: In den entsprechenden Gewändern legen sie sich hingebend flach auf den Boden oder knien mit gefalteten Händen vor ihrem Herrn.

Mit etwas Abstand (!) folgt die Schar der Jünger. Die Heiligenscheine zeichnen sie als jene aus, die Jesus nachfolgen. Geschlossen stehen sie da, nur wenig Bewegung ist bei ihnen festzustellen. Was da geschieht, scheint sie zu befremden. Einer ist sogar in Ohnmacht gefallen oder so erschöpft, dass er von zwei anderen Jüngern gehalten werden muss. Ein Dritter scheint mit dem Arm auf Jesus weisend ihm zu sagen: Auf, nur nicht schwach werden, wir müssen ihm folgen!

Durch den bunten, fröhlich stimmenden Hintergrund wird Jesu Einzug in Jerusalem ein überzeitliches, globales und andauerndes Geschehen. Jesus zieht nicht nur jedem Palmsonntag liturgisch gefeiert in seine Kirche ein, sondern ist ununterbrochen daran, durch unseren Lebensalltag zu ziehen: Von den einen nur mit einem kurzen Seitenblick gestreift, von andern wahrgenommen und herzlich willkommen geheißen, wiederum von anderen missverstanden oder mit Abstand verfolgt. – Nehme ich wahr, dass Jesus bei mir Einzug halten will? Wie stehe ich zu ihm? Weiß ich ihn angemessen zu ehren, finde ich es einfach interessant oder halte ich mich auf Distanz, obwohl ich als getauftes Menschenkind zu seinen Jüngern gehöre?

Jesajas Worte „Siehe, dein König kommt zu dir“, richten sich ganz konkret an mich als Betrachter. Der Prophet sagt zu mir: Schau nur gut hin, du bist nicht ein (zeitlich) entfernter Beobachter dieses Ereignisses, sondern bist Teil dieses Einzuges. Jesus will in dein Herz einziehen. Tochter Zion, öffne weit deine Tore, juble laut deinem Herrn und König: „Hosanna, dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ (Mt 21,9)

Patrik Scherrer 03.04.2004


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