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Udo Mathee
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Vergebung ist überflüssig , 1999

78 x 100 cm, Ölkreide auf Karton, © VG Bild-Kunst, Bonn 2013/2014

 
Vergebung ist überflüssig

Die vielen roten Striche stechen ins Auge. Hier ist etwas aufgeschrieben, festgehalten worden. Hier wird ein Geschehen so genau gezählt, dass die Anzahl durch die Häufigkeit schon ins Unzählbare übergegangen ist. Was hier auch gezählt wird, es geht definitiv um viel.

Darüber ist in der gleichen Farbe „Vergebung ist überflüssig“ geschrieben. Wie eine Überschrift stehen die drei Worte über der steinzeitlichen Strichsammlung. Im Vergleich zur Schrift muten sie an wie ein uralter, immer gleicher Text. Es scheint immer nur um das Eine zu gehen: die Vergebung.

Der Titel irritiert in seiner Mehrdeutigkeit. Denn „überflüssig“ lässt sich zum einen mit „unnötig“, „nutzlos“ oder „wirkungslos“ übersetzen. Doch das kann es nicht sein. Vergebung ist gerade dort nötig, wo jemand nach schuldhaftem Handeln Reue zeigt und mit dem Geschädigten wieder ins Reine kommen will. Wem eine Schuld vergeben wird, der wird entlastet, dem wird verziehen, der wird entschuldigt. Vergebung kann in dem Sinne nicht überflüssig sein.

Zum anderen kann „überflüssig“ von seiner Wortherkunft her als etwas Überfließendes gelesen werden. Aber die Vergebung ist keine Flüssigkeit, die ab einem bestimmten Maß wie bei einem vollen Fass Wasser überfließen würde. Und doch muss es etwas damit zu tun haben, denn einen weiteren Wortsinn für „überflüssig“ gibt es nicht.

Vergebung ist ein Zeichen, eine Zusage, die jemandem gegeben wird, der einen Fehler gemacht hat, der eine Person oder deren Eigentum verbal oder materiell verletzt und noch gravierender beeinträchtigt hat. Wer vergibt, rechnet dem anderen das Vergehen nicht an, sondern verzeiht ihm. Vergebung hat also mit Nachsicht zu tun, mit der Absicht, dem Anderen das Vergehen nicht nachzutragen, sondern ihm die Chance für einen Neubeginn zu geben. Vergebung setzt ein großes Herz voraus, den Mut, anders zu handeln als „Aug um Aug“. Vergebung braucht ein großzügiges, überfließendes Herz, das aus der Fülle der Liebe auf den Anderen zuzugehen vermag und durch dieses Übermaß an Liebe die Schuld quasi auszugleichen vermag, so dass sich beide wieder in die Augen schauen können.

Vergebung gründet in einer überfließenden Großzügigkeit. Nicht nur in der einzelnen Handlung. Auf die Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder vergeben muss, der sich ihm gegenüber schuldig gemacht hat und ob siebenmal reichen, antwortete Jesus: „Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ (vgl. Mt 18,21-22) Jesus wünscht sich kein berechnendes Vergeben, sondern eine großzügige Haltung gegenüber demjenigen, der immer wieder fehlt und fällt. Im Lukasevangelium (6,36) mahnt er seine Jünger: „Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist.“

Schrift und Striche sind auf einem weißen Hintergrund aufgetragen, der als Ausschnitt eines Größeren gesehen an ein helles Kreuz in dunkler Nacht denken lässt. Durch Jesu Tod, aber auch durch sein letztes Gebet (Lk 23,34) steht gerade das Kreuz im Zeichen der Vergebung. Auch der der farbliche Gegensatz von Schwarz und Weiß lassen Schuld und Vergebung anklingen. Dass ist der schwarzen Fläche auch weiß und rot eingezeichnet ist, mag den Grund darin haben, dass in jeder Schuld das Potential der Vergebung steckt, dass durch Vergebung in jede Dunkelheit Licht gebracht werden kann.

Letztlich geht es darum, Vergebung zu praktizieren, sie wie eine Flüssigkeit auszugießen. Daran mag vielleicht die einfache Gefäß links oben erinnern, das von der Form her an Gusspfannen aus der Stahlindustrie angelehnt ist, mit denen das heiße und flüssige Eisen in die Formen gegossen wird. Obwohl es ganz mit der Farbe des Lebens und der Liebe gefüllt und auch leicht geneigt ist, ergießt sich nichts aus ihm. Es ist, als wolle der Künstler zum Betrachter sagen: In Dir steckt das Potential der Vergebung. An Dir liegt es, dass Vergebung von Dir auf den Bedürftigen überfließt.

Von diesem Bild ist eine Kunstkarte zum Preis von 1 Euro + Porto erhältlich, die beim Künstler bestellt werden kann: Mailadresse


Patrik Scherrer 21.02.2012


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